Was ist Kunst?

Was ist Kunst?

Ist das Kunst oder kann das weg?

Der berühmteste Spruch meiner Kindheit und Jugend. Jugendliche räumen nicht auf, ihr Zimmer ist ein Kunstwerk. Der Wäschehaufen kann in Konkurrenz mit Michelangelos David treten.

Als Künstlerin habe ich mich bisher nie richtig mit dem Begriff auseinandergesetzt. Ich habe mich auch nicht bewusst dazu entschieden, Künstlerin zu werden und Kunst einfach zu tun. Ich kenne Gestaltungsregeln, ich kann realistische Dinge zeichnen, ein Auge, eine Hand, aber das ist keine Kunst im Sinne von innerer Gestaltung. Etwas exakt abzeichnen zu können, ist eine Frage der Technik. Und diese Technik dient der Kunst, nicht anders herum.

Doch ich schweife ab. Ich habe in unserer modernen Zeit natürlich drei wichtige Suchmaschinen befragt. Ich wollte wissen, was KI und Co. zu Kunst zu sagen haben, wobei natürlich alle drei Suchmaschinen letzten Endes von Menschen gefüttert wurden.

Bühne frei für die größte Suchmaschine der Welt.

Googles KI: „Kunst ist ein weit gefasster Begriff für alles, was Menschen kreativ erschaffen, um Ideen, Emotionen oder Erfahrungen auszudrücken – von Malerei und Musik bis Film und Literatur – und kann schön sein, provozieren oder Kritik üben; letztlich ist die Wahrnehmung von Kunst subjektiv und hängt stark vom Betrachter ab, dient aber oft als Spiegel der Gesellschaft und als Mittel der Kommunikation oder als Ausdruck menschlicher Spiritualität.“

Googles KI fasst die Frage „Was ist Kunst“ recht knapp zusammen und ein Klick auf die Links zeigt mir einige Blogs, deren Betreiber der Frage nachgegangen sind. Doch die Zusammenfassung reicht mir erstmal. Du siehst, dass der eigentliche Sinn ganz gut dargestellt ist: Kunst kommt von innen heraus. Sie ist das Produkt unseres Selbst.

Natürlich darf das größte Lexikon der Welt nicht fehlen.

Wikipedia: „Das Wort Kunst (lateinisch ars, griechisch téchne) bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit von Menschen, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber auch der Prozess bzw. das Verfahren selbst sein. So wie die Kunst im Gesamten ist das Kunstwerk selbst gekennzeichnet durch das Zusammenwirken von Inhalt und Form.“

Wikipedia erklärt Kunst etwas technischer, allerdings ist der eigentliche Artikel länger und in die unterschiedlichen Künste unterteilt. Wikipedia nimmt den Begriff „Kunst“ ziemlich auseinander.

Und nun die angeblich schlauste KI der Gegenwart.

ChatGPT: „Kurz gesagt: Kunst ist ein menschlicher Ausdruck, der mehr sein will als Funktion. Sie entsteht aus dem Bedürfnis, etwas Inneres sichtbar, hörbar oder spürbar zu machen – für sich selbst oder für andere.“

ChatGPT teilt Kunst nach Perspektiven ein, so wie Wikipedia das macht: Kunst als Ausdruck, Kommunikation, Wahrnehmung und Prozess. Am Ende gibt mir ChatGPT eine „ehrliche Definition“: „Kunst ist das bewusste Gestalten von Bedeutung.“

 

Die KI redet manchmal ziemlich geschwollen daher und ich weiß nicht immer, was sie mir sagen will. Allerdings zitiert die KI einige Künstler, was ich dir nicht vorenthalten will.

1. Theodor W. Adorno – „Kunst ist gesellschaftlich, selbst wenn sie sich von Gesellschaft abwendet.“ (Sinngemäß)

2. Joseph Beuys – „Jeder Mensch ist ein Künstler.“

Die Erklärung liefert ChatGPT gleich mit: „Nicht, weil jedes Ergebnis Kunst ist – sondern weil Gestaltung ein menschlicher Grundtrieb ist.“ (Wow, das finde ich cool.)

3. Ernst Gombrich – „Es gibt keine Kunst – nur Künstler.“

Was kann ich nun für dich aus all diesen Antworten ableiten?

Es gibt eine Gemeinsamkeit: Alle sind sich einig, dass Kunst ein innerer Prozess ist und Wahrnehmungen widerspiegelt. Wenn Kunst ein menschlicher Grundtrieb ist und wir damit unsere Gefühle und inneren Zustände verarbeiten, kann es dann sein, dass wir alle mehr Kunst machen sollten?

Kann es nicht sein, dass genau aus diesem Grund unsere Gesellschaft so gehetzt wirkt? Das immer mehr Coaches und Psychologen gefragt sind, weil wir es nicht schaffen unsere inneren Zustände im Alltag zu verarbeiten? Einen Alltag, in dem wir immer mehr funktionieren müssen?

Es geht nicht darum den Job zu schmeißen, den Mann zu verlassen oder alles zu verkaufen um in einem Zelt zu leben. Was wäre, wenn wir einfach nur wieder kreativer sein müssten? Was wäre, wenn Kinder diesen Grundzustand hatten und die Gesellschaft es ihnen aberzogen hat?

Wer hat nicht als Kind gemalt? Oder gebastelt? Oder wollte ein Musikinstrument lernen? Welches Kind war nicht kreativ und wollte sich ausdrücken. Einem Kind ist es egal, wie das Bild aussieht oder wie die ersten Töne klingen.

Die Leistungsgesellschaft bringt es fertig, dass Kinder ab einem gewissen Alter ihre Leistungen bewerten. Das Schulsystem mit ihren Noten, dass Wettbewerbssystem, wo die besten auf dem Treppchen stehen. Die Besten die Trompete spielen werden in das Orchester eingeladen. Den meisten bleibt am Ende nur das Hobby oder sie geben auf, weil sie „nicht gut genug“ sind.

Sie erhalten sich die kindliche Freude am Gestalten nicht. Sie wollen etwas leisten. Weil sie gelernt haben, dass Leistung belohnt wird und Kunst ohne Berechtigung nichts wert ist. Wieso malst du, wenn du die Bilder nicht verkaufst, fragst du dich und legst den Pinsel nieder. Er vertrocknet und deine Malsachen schmeißt du nach drei Jahren im Keller in die Mülltonne. Wieder ein Künstler gestorben.

Was ist Kunst für mich?

Kunst ist mein innerer Ort. Sie ist der Gegenpol meines Alltags aus Lärm, Taktung, Leistung und dem „funktionieren müssen“. Weil ich Geld verdienen muss, Essen muss, mich kleiden muss. Verstehe mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Arbeit, egal ob körperlich oder geistig.

Ich habe immer meine Brötchen verdient und nie geruht, doch je älter ich werde, desto schwieriger wird für mich die Tatsache, dass die Zeit auf der Arbeit für mich ein leerer Raum bleibt.

Meine Kunst entsteht aus Ruhe, Natur, Übergängen und Zwischenzuständen. Sie ist ein Dialog zwischen mir und der Welt. Wenn ich male, bin ich nicht in Eile, ich muss nirgends ankommen.

Ich will nichts beweisen. Natürlich möchte ich etwas erschaffen, was schön ist, aber Schönheit ist eine Geschmacksfrage. Technik, Zeichnen, Gestaltungsregeln sind für mich nur ein Werkzeug, dass ich anwenden kann, um mich besser auszudrücken.

Meine Bilder krempeln mein Inneres nach Außen und machen mich verwundbar. Ein kalkuliertes Risiko. Genauso wie die Achterbahn in Phantasialand meinen Magen nach außen krempelt.

Also.

Was ist Kunst?

Ich glaube, dass Kunst jedem Menschen auf dieser Welt gehört. Und das jeder Mensch auf dieser Welt schon einmal Kunst erschaffen hat. Träume sind Kunstprodukte, die nur dir gehören. Wenn du morgens aufwachst und denkst: „Man, hatte ich gerade einen tollen Traum“, dann war das Kunst.

Wenn du Tagträume hast, weil du die große Liebe suchst oder dein Zuhause nach deinen Vorstellungen erschaffst, dann ist das Kunst.

Wenn du dich bei einer Freundin entschuldigst, weil du im Unrecht warst und du ihr eine emotionale Nachricht schreibst, die direkt aus dem Herzen kommt, dann ist das Kunst. Wenn du ein Liebesbrief schreibst, dann ist das Kunst.

Alles, was aus dir kommt, ohne das du eine Entschuldigung brauchst, damit es existiert, ist Kunst. Du musst nicht erklären, warum du Gitarre lernen willst. Du musst nicht erklären, warum du so gerne unter der Dusche singst. Das ist Kunst, und sie gehört dir, nur dir und du musst sie nicht erklären. Sie darf sein, ohne Rechtfertigung. Wenn du vor einem Bild stehen bleibst und dir die Tränen kommen, dann bist du in einem Zustand, in dem Zeit unbedeutend wird.

Wir sind so gehetzt von unserem Alltag und von vermeintlichen Leistungen, die wir angeblich erbringen müssen, dass wir kaum stehen bleiben, um uns zu fragen, warum wir nicht langsamer gehen.

Kunst bietet dir diese Ruhe und die Reflexion auf dein Leben.


Deine Anni.