Die Haare standen ihm zu Berge.
In einem kleinen Café in Bern Anfang des 20. Jahrhunderts sitzt ein Mann mit wirrem Haar und kritzelt etwas auf sein Notizpapier, was auf seinen Knien liegt. Offensichtlich wartete er auf jemanden.
Ein paar Tage später ging buchstäblich die Glühbirne über seinem Kopf an und er entwickelte daraufhin eine Theorie, die die ganze Welt verändern sollte.
Er hatte keine Erleuchtung auf irgendeinem Berg, weil er versuchte, etwas zu manifestieren. Er hatte keine göttliche Eingebung. Nur ein Gedanke, der sich als eine sehr wichtige und große Sache entwickeln sollte.
Bevor ich das große Geheimnis des Lebens lüfte (falls du es nicht schon erraten hast), will ich dir eine Frage stellen:
Was ist Kreativität wirklich?
Vielleicht denkst du, du müsstest besonders begabt sein, so wie Mozart oder Picasso.
Vielleicht denkst du, Kreativität ist nur etwas für Menschen, die nicht 8-9 Stunden am Tag für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.
Vielleicht denkst du, nur weil du seit der Kindheit nicht mehr kreativ warst, dass Kreativität dir nicht mehr zur Verfügung steht?
Deine Gedanken sind ein Irrtum und halten dich hartnäckig davon ab, überhaupt den Anfang zu machen und kreativ zu sein.
Kreativität ist kein Talent. Sie ist ein Zustand.
Nimm Picasso als Beispiel: Sein Vater war Maler und Lehrer an einer Kunstgewerbeschule. Picasso lernte, mit sieben Jahren zu malen und zu zeichnen. Mit zehn nahm ihn eine Schule der bildenden Künste auf. Mit vierzehn schaffte er die Aufnahmeprüfung an einer Kunstakademie und so zog sich das durch sein Leben.
Glaubst du, dass das etwas mit außergewöhnlichem Talent zu tun hatte oder eher damit, dass Picasso einfach einem Beruf nachging und den so gut machen wollte, wie es irgendwie ging? So wie deine Kinder von dir lernen, so lernte Picasso von seinem Vater.
Natürlich wird ihm ein außergewöhnliches Talent zugeschrieben, aber Michelangelo sagte einmal: „Wenn die Leute wüssten, wie hart ich für meinen Erfolg arbeiten müsste, würden sie es nicht mehr so wundervoll finden.“
In einem Persönlichkeitsbuch lass ich eine Passage über den Autoren Stephen King, die hier gerne lose wiedergeben möchte. Leider habe ich vergessen, wie das Buch hieß:
„Stephen King schreibt ausnahmslos jeden Tag 2000 Wörter. Jeden Tag. Wirklich jeden. In einem Interview wurde er gefragt, wie er seine Bücher schriebe, und er antwortete: Ein Wort nach dem anderen.
Und alle sagten, klar kann er das so machen, er ist ja Stephen King. Und ich gab ihnen als Antwort: Macht er das so, weil der Stephen King ist, oder ist er Stephen King, weil er das so macht?“
Glaubst du, Stephen King wartet jeden Tag auf seine göttliche Eingebung oder ist er besonders kreativ, weil er jeden Tag um dieselbe Zeit seinen Job macht?
Kreativität ist nicht das Ergebnis, auch nicht das Werk, das fertige Buch oder das Bild.
Kreativität ist eine Art, der Welt zu begegnen, um die Werke und die Bücher fertig zu stellen.
Warum verstehen wir Kreativität heute falsch?
Unsere Gesellschaft liebt es, Dinge zu messen. Leistung. Effizienz. Output. Produktivität. Seit Beginn an, werden unsere Leistungen in Zahlen gemessen. Noten, Prüfungen, Umsatz, Gewinne, Vermögen.
Alles wird bewertet von Menschen, die anders denken als du, die die Welt anders sehen als du und irgendwann ziehst du den Schluss: Ich bin nicht kreativ.
In der Grundschule hatte ich durchgehend in Kunst eine 1. Auf dem Gymnasium nicht mehr. Meine Leistung fiel ab auf 3, dann auf 4, dann gab es Kunst nicht mehr und ich musste etwas machen, was „Zukunft hat“.
Meine Kreativität versank unter einer dicken Schicht Verpflichtungen.
Kreativität ist unbequem. Sie passt sich nicht sofort an. Sie ist langsam, chaotisch, widersprüchlich. Deswegen übersiehst du sie oft, weil sie nicht in die Normen eines Erwachsenen passen. Du hast sie verdrängt – zugunsten von Funktionieren.

Kreativität im Alltag hat unterschiedliche Gesichter:
In deinem Alltag kommt sie nicht daher, dass du dir ein Meisterwerk aus dem Ärmel schüttelst.
Du findest einen neuen Weg, ein Problem zu lösen.
Du kombinierst Reste aus dem Kühlschrank zu etwas wahrlich Schmackhaften.
Du spürst, dass etwas nicht mehr passt, und veränderst es.
Du siehst Details in der Natur, die andere übersehen (manchmal auch als der fotografische Blick bezeichnet).
Das ist Kreativität. Sie ist nicht spektakulär und höre ich dich enttäuscht aufseufzen?
Der französische Maler Henri Matisse sagte einmal:
„Kreativität erfordert Mut.“
Nicht Mut, etwas Großes zu schaffen. Du sollst nicht gleich alles hinschmeißen und wie Phönix aus der Asche auferstehen, auch wenn das gefühlt alle predigen.
Ich meine den Mut, einen Weg zu gehen, auch wenn du nicht sofort weißt, wohin er führt.
Kinder sind deshalb so kreativ, weil sie noch nicht alles filtern. Für sie ist alles neu. Alles ist möglich. Der imaginäre Freund ist eine berühmte Persönlichkeit. Und zum Tee kommt die Queen, die schon längst tot ist und in Kinderaugen zum Leben erwacht.
Als Erwachsene sehen wir gewohnter. Für uns ist nicht mehr viel neu und unser Leben dreht sich um unsere Gewohnheiten, jeden Tag. Vielleicht nicht unglücklich, vielleicht ist dein Leben auch einfach total cool so, wie es ist, aber trotzdem hast du eine leise Stimme im Kopf, die fragt: „War das schon alles?“
Kreativ sein bedeutet langsamer zu schauen, tiefer zu fühlen und Zusammenhänge zulassen, die nicht logisch sind.
Ein Blatt ist dann nicht nur ein Blatt.
Ein Geräusch nicht nur ein Geräusch.
Ein Gefühl nicht nur störend, sondern vielleicht ein Hinweis.
Zurück zu unserer Entdeckung.
Der Mann verließ das Café. Der Gedanke, den er hatte, ließ ihn nicht los. Wochenlang grübelte er, spielte ihn durch, verwarf ihn wieder. Er schüttelte das Ganze ordentlich durch, ohne Garantie, dass etwas Nützliches daraus entsteht.
Heute gehört es zu unseren Alltag: Die Relativitätstheorie.
Der Mann aus dem Café war Einstein.
Warum ist Kreativität heute so erschöpft?
Wir leben in einer Zeit permanenter Reize. Ewiges scrollen im Newsfeed auf der Suche nach dem Dopamin Kick. Konsumieren von Inhalten, die sich ewig wiederholen. Bewerten. Vergleichen. Kein Ende in Sicht.
Das Problem ist nicht Social Media an sich. Das Vernetzen untereinander ist im Grunde eine gute Sache. Doch Social Media bieten heutzutage permanente Fremdimpulse. Dauernd sagt dir jemand, dass du nur dieses oder jenes tun musst, um glücklich, reich, schlank oder schön zu sein.
Doch Kreativität braucht Leerräume.
Sie braucht Langeweile.
Sie braucht Momente, in denen nichts passiert.
Picasso brachte es auf den Punkt:
„Alle Kinder sind Künstler. Das Problem ist, Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“
Kreativität ist kein Projekt – sie ist eine Beziehung.
Hast du schonmal versucht, Kreativität zu machen? Ja? Hat es funktioniert?
Hast du schonmal versucht eine Beziehung zu ihr aufzubauen? Vertrauen statt Kontrolle und Bewertung? Regelmäßige kreative Begegnungen?
Hast du dich mal gefragt, was dich gerade bewegt? Was du anders siehst als früher? Gibt es etwas in dir drin, was sich einen Weg an die Oberfläche bahnen will – auch leise?
Kreativität ist Widerstand.
In einer Welt, die dich permanent optimieren will, die dich einordnen will in Schubladen oder Schränke, die dir sagen will, wie du zu sein hast, ist Kreativität dein Akt des Widerstandes.
Nicht laut oder aggressiv, aber konsequent.
Sie sagt dir: Nimm dich wahr, gestalte dein Leben mit, sei mehr als nur eine Funktion.
Wassily Kandinsky schrieb:
„Kunst ist eine innere Notwendigkeit.“
Und genau das gilt auch für den Alltag.
Kreativität ist nicht das, was du tust, wenn alles erledigt ist. Sie ist das, was dich lebendig hält, während du lebst. Sie braucht kein Atelier, kein Talentnachweis und keine Erlaubnis.
Vielleicht beginnt sie heute:
In einem Café,
bei einem Spaziergang im Wald,
in deinem Garten,
und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich alles verschiebt.
Deine Anni.